"Der Ingwertopf" - Szenenanalyse zu Brechts epischem Theater | Deutsch Oberstufe

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05. Aug '19

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Analysiere die vorliegende Szene aus Brechts “Der Ingwertopf” im Hinblick auf die Merkmale des epischen Theaters.

Die Szene “Der Ingwertopf” aus dem Fragment “Leben des Konfutse” von Bertolt Brecht thematisiert die Tendenz des Menschens, die Maximierung des eigenen Nutzens über moralisch integres Handeln zu stellen.

Zu Beginn der Szene stellt sich Kung dem Publikum als kräftiger Schüler vor, der aber seine Geistes- und nicht seine Muskelkraft in den Vordergrund seines Handelns stellt. Drei seiner Schulkameraden haben einigen anderen Schülern einen Ball geklaut und fragen nun Kung, nach Schutz suchend, mit ihnen zu spielen. Doch Kung kann sie überreden, statt mit dem Ball “Schule” zu spielen, ein Spiel bei dem er versucht, seinen Kameraden Anstand zu lehren, indem er sie darauf hinweist, dass der Kurs mit dem Verzehr süßen Ingwers zusammenhängt. Im Folgenden versucht Kung, den anderen beizubringen, den Ingwer möglichst schicklich anzunehmen und zu verzehren, doch die Schüler greifen stets gierig in den Topf. Als es dem jüngsten letztendlich erstmals gelingt, sich anständig zu verhalten, fällt Kung auf, dass gar kein Ingwer mehr im Topf war. Er schlussfolgert, dass das Benehmen erst dann wahrlich integer sein kann, wenn der Anstand durch die Verlockung des Essens infrage gestellt wird.

Die Szene wird durch eine für das epische Theater typische Ansprache des Protagonisten an das Publikum eingeleitet, in der der Rahmen der folgenden Handlung erkenntlich gemacht wird. Obwohl Kung als Sohn eines Soldaten (vgl. V. 1) und “kräftig für [sein] Alter” (V. 4) präsentiert wird, der durchaus in der Lage wäre, seine Muskelkraft zu seinem Vorteil zu nutzen, stellt er ein Idealbild des vernünftigen, aufgeklärten Menschen dar. Er handelt stets rational, was dadurch hervorgehoben wird, dass er “alle fünf Gründe kennt, warum es keine [Geister und Drachen] geben kann” (V. 10f.), er eine “Abscheu gegen alles Gewalttätige” hegt (V. 3) und “auf die Kraft des Verstandes” setzt (V. 7). Besonders auffällig ist auch, dass er sich nur am Rande auf seinen Vater aber mehrmals deutlich auf seine Mutter bezieht (vgl. V. 2, 6), was dem Zuschauer zusätzlich den Eindruck eines überaus friedfertigen Menschen vermitteln soll.

Indem die Thematisierung der menschlichen Moral auf die Interaktion zwischen Kindern transferiert wird, wodurch die Thematik verfremdet wird, erreicht Brecht, dass die in der kapitalistischen Marktwirtschaft selbstverständliche Nutzenmaximierung für den Zuschauer auffällig gemacht wird.

Seine drei Spielkameraden werden, verglichen mit Kung, konträr charakterisiert. So suchen sie ihn etwa vor allem deshalb auf, weil sie in ihm den Nutzen sehen, dass er körperlich dazu in der Lage ist, sie vor den Kindern zu beschützen, denen sie den Ball geklaut haben (vgl. V. 17-21). Ihr Verhalten ist außerdem durch allgemeines Misstrauen geprägt, da sie befürchten, dass Kung “einmal vergisst, dass er nie rauft” (V. 34f.), wenn sie nicht das von ihm präferierte Spiel “Schule” spielen. Ferner ist ihre Zustimmung bezüglich Kungs Vorschlag maßgeblich dadurch bedingt, dass das Spiel einen weiteren Nutzen - nämlich das Essen - für sie hat (“Nein, es wird Schule gespielt. Ausessen eines Ingwertopfes”, V. 45f.) Dem Zuschauer soll dadurch und durch die eindeutige Dialektik zwischen den Dreien und Kung die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen, bekannten und dem eigentlich vernünftigen, wünschenswerten Verhalten nahegebracht werden. Ebendiese Dialektik schlägt sich auch in den differenten Sprachebenen Kungs und seiner Kameraden wieder. Während die Drei vornehmlich kurze und syntaktisch einfache Sätze formulieren, verwendet Kung ein deutlich höheres Sprachniveau.

Dieser vermeintlich schlechte Stil überträgt sich auch auf das Handeln der drei Schüler in Kungs Kurs. Kung bietet ihnen den Ingwertopf an und sie bedienen sich gierig ohne auch nur Anzeichen des von Kung gewünschten “schickliche[n] Benehmen[s]” (V. 52) zu zeigen (vgl. V. 66ff.). Kung diagnostiziert ihnen, dass sie im “anständigen Benehmen noch sehr weit zurück” sind (V. 76f.). Besonders auffällig ist, dass sich die Drei verhalten, “als ob Hunde nach einem Knochen schnappten” (V. 80), was später um einen Vergleich mit einem Schwein (vgl. V. 98) ergänzt wird, der sich nicht nur auf einer sprachlichen sondern auf der gesamten inhaltlichen Ebene vollzieht. Dem Zuschauer wird demonstriert, dass der Mensch nur menschlich handelt, solange ihn keine Verlockung daran hindert. Doch sobald er einen möglichen Nutzen für ihn erkennt, ist er kaum noch vom Tier zu unterscheiden, da er jeglichen Anstand; jegliche Integrität vergisst. Diese übertriebene Darstellung, die charakteristisch für die Stücke Brechts ist, soll dem Zuschauer den Missstand so auffällig wie nur möglich präsentieren, da er im Alltag so selbstverständlich kaum noch zu erkennen ist.

Zwar sind im Verlaufe des Kurses leichte Verbesserungen im Verhalten der Schüler zu beobachten (vgl. z.B. V. 118ff.), jedoch ist der Lerneffekt aber im Verhältnis zur Einfachheit der Übung und der Eindeutigkeit Kungs Anweisungen geradezu lächerlich gering, was darauf hindeutet, dass sie eher darauf abzielen, Kung bei Laune und sich selbst somit am essen zu halten. Ferner stellt Kung rhetorische Fragen nach der “Verbeugung des Gehorchens” und nach dem “Lächeln der Wertschätzung” (beide V. 113f.), die sich natürlich nicht nur an die Figuren sondern auch an, wie für das epische Theater typisch, das Publikum richten. Dadurch soll der Zuschauer dazu angeregt werden, zu reflektieren, warum es dem Menschen so schwer fällt, zuerst moralisch und dann nutzenmaximierend zu handeln und wie dieser Zustand zu ändern sei. Die Notwendigkeit dieses Hinterfragens wird gleichzeitig dadurch unterstrichen, dass der älteste Schüler nachdem er “gierig nach einem großen Brocken Ingwer” gefischt hat (V. 110f.) dreist danach fragt, es noch einmal versuchen zu dürfen (vgl. V. 116).

Als es der Kleinste letztendlich schafft, sich anständig zu benehmen (vgl. V. 132ff.) und dann nicht einmal ein Stück Ingwer zu nehmen (vgl. V. 147), ist Kung zunächst überschwänglich erfreut, was durch die erhöhte Frequenz von Ausrufen deutlich wird (vgl. V. 147f.). Er bezeichnet das Verhalten des Schülers als “ausgezeichnet” (V. 148) und ist “zufrieden” (V. 149). Doch als er den Jungen mit dem restlichen Ingwer belohnen möchte, realisiert er, dass er gar nicht mehr die Gelegenheit gehabt hat, Ingwer aus dem Topf zu fischen, der bereits leer ist (vgl. V. 158). Auf diese Weise wird dem Publikum demonstriert, dass der Mensch zwar grundsätzlich (und je jünger desto eher) dazu in der Lage ist, einwandfrei zu handeln, doch eben nur so lange er nicht durch den Ingwer - den eigenen Nutzen - in Versuchung gerät, weswegen ”zwei Dinge nötig [sind], damit würdige Zurückhaltung beim Ausessen eines Ingwertopfes bewahrt werden kann: erstens feines Anstandsgefühl, zweitens ein voller Topf” (V. 166-169). Die grundsätzliche menschliche Veranlagung integren Handelns reicht demnach nicht aus. Diese Erkenntnis soll dem Publikum abschließend in einem kurzen Lied vor Augen geführt werden, in dem “zu wenig Anstand” (V. 173) angeprangert und in einem Parallelismus dargelegt wird, dass der Ingwer; die Versuchung als “etwas Süßes” (V. 175) die Würde als “etwas Schönes” (V. 174) im Zweifelsfall überwiegt.

Abschließend lässt sich festhalten, dass Brecht die Szene auf Gegensätzen aufbaut. Kung verkörpert das integer und rational handelnde Idealbild eines Menschen, während die drei Schüler den tatsächlich, aus Emotionen heraus, handelnden Menschen darstellen. Dieser Mensch handelt nicht moralisch, solange er seinen Nutzen maximieren kann und wird von Brecht als tierisch charakterisiert. Durch die Verwendung rhetorischer Fragen und die die Szene umrahmende Publikumsansprachen soll der Zuschauer aktiviert und zur Reflektion des Gesehenen und dem Transfer auf die tatsächliche Welt angeregt werden, wobei die dargestellte Problematik so verfremdet wird, dass das Selbstverständliche zum Auffälligen wird.

Der Ingwertopf

Szenenanalyse

Interpretation

Brecht

episches Theater

Deutsch

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