Einfluss des Krieges und der nationalsozialistischen Ideologie auf die Aufgabenstellungen von Klausuren in der Zeit des Nationalsozialismus

Politik

02. Sep '19

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Wie groß war der Einfluss des Krieges und der nationalsozialistischen Ideologie auf die Aufgabenstellungen von damaligen Klausuren in der Zeit des Nationalsozialismus?

Um diese Frage zu beantworten haben wir eine Deutschklausur der Else D. untersucht. Die Klausur, die mit der Note „Ausreichend“ bewertet wurde, hatte folgende Aufgabenstellung:

„„Er überbrückt das Dort und Hier, löscht Raum und Zeit aus“ - Zeigen sie an diesem Wort von Otto Brües aus dem Gedicht „Der Feldpostbrief“ die Bedeutung des Briefes in unserer Zeit!“

Else D. beschreibt es als die wichtigste Aufgabe des Briefes, die „kämpfende Front mit der Heimat“ zu verbinden. Die Soldaten an der Front hofften täglich, einen Brief von ihren Angehörigen zu erhalten. Hier zitiert sie auch aus ihrer Briefkorrespondenz mit ihrem Vater, der als Soldat vor Moskau stehe. Auch hier wird wieder ihr Kriegsbild deutlich:

Der zweite Weltkrieg sei der „Kampf unseres Volkes im Sein oder Nichtsein“, es gehe also gar um die Existenz der Deutschen. Auch der Begriff der „englischen Terrorangriffe“ fällt erneut auf. Die deutschen Arbeiter schmiedeten zudem die besten und stärksten Waffen, „die unserer Soldaten zu immer neuen Siegen führen.“ Dass im Februar 1943 die Alliierten bereits wichtige Siege errungen hatten, wusste Else D. entweder nicht, oder hat es bewusst in ihrer Arbeit verschwiegen.

Else D. nutzt also die Aufgabenstellung, um die vorherrschende Meinung der Nationalsozialisten zum Krieg darzustellen. Ob die Aufgabenstellung mit dieser Intention verfasst worden ist, lässt sich zwar schwer feststellen. Trotzdem bietet sie aber auf jeden Fall eine Steilvorlage zur Reproduktion nationalsozialistischer Ideologie. Mit „unserer Zeit“ ist dazu natürlich der zweite Weltkrieg gemeint, dazu stammt das Zitat aus dem Gedicht „Der Feldpostbrief“, was eine klare Tendenz vorgibt. Der namentlich genannte Verfasser Otto Brües, der vor „Sturmfluten der Überfremdung“ warnte, hat zudem die nationalsozialistische Herrschaft zumindest gebilligt, wenn nicht sogar unterstützt.

Anschließend haben wir Vorschläge für die schriftliche Arbeit in Geschichte vom 18. September 1937 ausgewertet. Dieses mehrfach unterzeichnete und mit einem Hakenkreuzstempel versehenes Dokument enthält drei Themenvorschläge für die „Reifeprüfung Ostern 1938“. Die drei vorgeschlagenen Themengebiete sind:

1. „Die Bronzezeit, eine Blütezeit der germanischen Kultur“

2. „Preußens Wiedererwachen von 1807 bis 1813“

3. „Adolf Hitlers Beurteilung der Bismarckschen Bündnispolitik und seine Gedanken über die Bündnismöglichkeiten des 3. Reiches“

Auffällig ist hier die ideologisch aufgeladene Themenauswahl. Die Nationalsozialisten vereinnahmten häufig die germanische Kultur und Mythologie für ihre Zwecke. Diese Instrumentalisierung sollte vor allem als Beleg für die Überlegenheit der nach NS-Terminologie „arischen Rasse“ dienen. Das findet sich auch in dem Themenvorschlag wieder. Die Bronzezeit wird schon im Thema als „Blütezeit der germanischen Kultur“ bezeichnet, jegliche Bewertung und Beurteilung wird den Schülern abgenommen, um NS-Ideologie zu propagieren.

Der zweite Themenvorschlag nimmt deutlichen Bezug auf die preußischen Heeresreformen von 1807 bis 1813. Durch diese Reformen wurde das preußische Heer unter Vorbild des napoleonischen Frankreichs reorganisiert. So wurde 1813 die allgemeine Wehrpflicht ausgerufen, technische Neuerungen eingeführt und die Militärjustiz reformiert, mit dem Ziel, die Armee schlagkräftiger und stärker zu machen. Außerdem versuchten die Reformer die Beschränkung der Heeresgröße auf 42.000 Mann durch den Tilsiter Frieden zu umgehen. Es ist hier wahrscheinlich, dass sich die Nationalsozialisten in der Tradition der preußischen Reformer sahen. So versuchten sie, die Aufrüstung der Wehrmacht zu rechtfertigen und ihre ablehnende Haltung entgegen der Versailler Verträge zu begründen. Auch hier ist das Thema darauf ausgelegt, nationalsozialistische Ideologie zu vermitteln und eben nicht ein umfassendes Geschichtswissen.

Der dritte Themenvorschlag bezieht sich auf die Bündnispolitik Otto von Bismarcks, der von 1871 bis 1890 Reichskanzler des Deutschen Reiches war. Bismarcks Bündnispolitik war darauf ausgelegt, durch Bündnisse mit Italien, Österreich-Ungarn und Russland Frankreich in politischer Hinsicht zu isolieren. Die Nationalsozialisten sahen Hitler gerne in der Tradition Bismarcks. Tatsächlich gibt es auch einige Gemeinsamkeiten: Auch Hitler schloss verschiedene Bündnisse, so z. B. den bekannten deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934 oder den unter den Namen „Hitler-Stalin-Pakt“ bekannt gewordenen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939. Außerdem paktierte Hitler mit dem faschistischen Italien unter dem Diktator Benito Mussolini.

Trotzdem lassen sich Bismarck und Hitler nur schwer vergleichen. Hitler ging es eher um einen Scheinfrieden, Bismarck darum, Kriege zu verhindern und Frankreich zu schwächen. Auch ideologisch hatte der eher realpolitisch agierende Bismarck mit Hitler nur wenig gemeinsam. Der Themenvorschlag ist also auch hier ideologisch aufgeladen und möchte Hitler in die Tradition Bismarcks rücken. Dass dieser Vergleich nur bedingt sinnvoll ist, war hier nicht relevant.

Zusammenfassend lässt sich hier feststellen, dass der Einfluss der nationalsozialistischen Ideologie und des Krieges auf Klausuren aus der damaligen zeit immens war. Häufig verlangte schon das Thema oder die Aufgabenstellung die Reproduktion nationalsozialistischen Gedankengutes. Ob es darum ging, sich selber in die Tradition bestimmter geschichtlicher Akteure zu rücken oder das eigene Kriegsbild zu propagieren – die Nationalsozialisten nutzten Klausuren um ihre Ideologie zu verbreiten und Schüler zu beeinflussen. Allerdings haben wir während unserer Quellenauswertung auch viele Klausuren gefunden, die nicht ideologisch aufgeladen waren, auf die wir aber nicht weiter eingegangen sind.

Anschließend haben wir uns auch mit der Frage beschäftigt, welches Geschlechterverständnis in den Klausuren deutlich wurde. Herrschte ein antiquiertes Frauenbild vor oder stand die Frau auf dem Gipfel der Emanzipation? Um diese Fragestellung zu klären, haben wir uns mit einer Deutschklausur aus dem Jahre 1944 beschäftigt.

„Handle du - ich will es tragen“ - An diesem Zitat aus einem Brief der Marie von Clausewitz sollten die Prüflinge die Gültigkeit dieses Satzes in der damaligen Zeit aufzeigen. Marietta t. H. begegnete dieser Aufgabenstellung in ihrer Klausur damit, zuerst die Rollenverteilung während des ersten Weltkrieges zu beschreiben:

Der Mann „verteidigt die Heimat“, die Frau müsse Zuhause um ihren Ehemann bangen. Der Mann im Krieg, die Frau Zuhause – Marietta t. H. überträgt dieses Rollenbild auf die damalige Zeit. Die Aufgaben des Mannes seien gleich geblieben, er „verteidigt die Heimat gegen den Ansturm der Feinde“. Von der Frau werde jedoch mittlerweile mehr gefordert. Sie arbeite in kriegswichtigen Betrieben und müsse Rettungsarbeiten nach dem „englischen Luftterror“ leisten. Ihre Hauptaufgabe sei es, dem „Volke zum Siege zu verhelfen“. Abschließend fasst Marietta t. H. folgendes Fazit: Die Aufgabe der Frau sei es, den Mann tatkräftig zu unterstützen. Hier wird das Rollenbild der Nationalsozialisten deutlich: Auch wenn die Frau wichtige Aufgaben hat, ist sie dem Mann klar untergeordnet. Außerdem wird hier deutlich, dass es als eine der wichtigsten Aufgabe der Frau angesehen wird, den Nationalsozialisten im Krieg zu helfen. Auch das will zu dem kollektivistisch geprägten Denken der Nationalsozialisten passen.

Außerdem kann man aus der Klausur wertvolle Erkenntnisse darüber erkennen, wie sich die Nationalsozialisten im Krieg gesehen haben. Sie verteidigten lediglich die Heimat, die durch den „englischen Luftterror“ bedroht sei. Hier wird ein klares Gut-Böse-Schema angewandt.

Hier kann man das Fazit ziehen, dass an der Klausur der Marietta t. H. das Frauenbild der Nationalsozialisten deutlich wird. Die Frau war dem Mann klar untergeordnet, was gegenüber emanzipatorischen Bewegungen in der Weimarer Republik einen Rückschritt darstellte. Wichtige Werte, die der Frau zugeschrieben wurde, waren Treue, Pflichterfüllung und Opferbereitschaft, was auch in der Klausur von Marietta t. H. deutlich wird.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Frauen_in_der_Zeit_des_Nationalsozialismus

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/aussenpolitik/hitler-stalin-pakt-1939.html

https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/otto-bruees-/DE-2086/lido/57c58984415fe1.58163019

https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/aussenpolitik/bismarcks-buendnissystem.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Preu%C3%9Fische_Heeresreform

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