Analyse zu “Die zwei Gesellen” von Joseph von Eichendorff

Deutsch

05. Aug '19

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Analysiere und Interpretiere das Gedicht 'Die zwei Gesellen' von Joseph von Eichendorff und ordne es epochal ein.

Das Gedicht “Die zwei Gesellen” von Joseph von Eichendorff aus dem Jahre 1818 behandelt die Sehnsucht nach dem Unendlichen, die mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert wird, anhand der konträren Lebensverläufe zweier Gesellen.

Zu Beginn des Gedichts wird beschrieben, wie zwei ambitionierte Gesellen fröhlich in die Welt hinausziehen.Während einer der beiden eine Frau findet, einen Sohn bekommt und sich mit seiner Familie häuslich niederlässt, fährt der andere scheinbar sorglos auf das Meer hinaus, wobei jedoch sein Schiff untergeht und er altert. Am Ende des Gedichts beobachtet das lyrische Ich zwei Gesellen mit der gleichen - zu Beginn beschriebenen - Ausgangslage.

Insgesamt ist das Gedicht sowohl inhaltlich als auch formal kontrastiv aufgebaut, wobei ebenjene Kontraste die Konfrontation der menschlichen Sehnsucht nach Unendlichkeit mit der Endlichkeit des Menschen widerspiegeln.

Das Gedicht gliedert sich in sechs Strophen zu je fünf Versen, durch die sich ein regelmäßiges Reimschema zieht. Es handelt sich um umarmende Reime bei denen sich zusätzlich das Ende des ersten Verses jeder Strophe auf die umarmten Reime reimt. Diese Regelmäßigkeit wird dadurch unterstützt, dass ausnahmslos jeder zweite und fünfte Vers einer Strophe männliche und die übrigen Versenden weibliche Kadenzen aufweisen und dass alle Verse genau drei Hebungen haben. Durch diese Regelmäßigkeit entsteht eine harmonische Wirkung, die außerdem dadurch unterstrichen wird, dass sich die umarmten Reime der letzten Strophe auf die der ersten Strophe reimen und somit einen Rahmen um das Gedicht bilden. Inhaltlich wird am Ende des Gedichts die Anfangssituation - nämlich der Aufbruch zweier Gesellen - wieder aufgenommen und somit ein Kreislauf gebildet, der das Unendliche widerspiegelt.

Allerdings weist das Gedicht auch formale Aspekte auf, die zu einer gegensätzlichen Stimmung beitragen: So ist das Metrum beispielsweise insofern von Unregelmäßigkeiten geprägt, als dass es nicht eindeutig bestimmt werden kann und trägt somit zu einer disharmonischen Wirkung bei. Jedoch fällt diese in Relation zum Harmonischen weniger ins Gewicht und stellt eher eine Störung der Harmonie - des Unendlichen - durch die reale Endlichkeit dar.

Die zwei Gesellen, die das Gedicht in den ersten fünf Strophen behandelt, folgen zu Beginn ihrer Reise klaren Idealen. So “strebten [sie] nach hohen Dingen” (V. 6), verfolgen somit ambitionierte Ziele und sind entschlossen, diese zu erreichen, da sie schließlich “trotz Lust und Schmerz, / was [...] in der Welt vollbringen” (V. 7f.) wollen. Die mit ihrem Aufbruch verbundene Euphorie, die dadurch deutlich wird, dass sie “jubelnd” (V. 3) in die Welt hinausziehen und ihre Fröhlichkeit dabei sogar auf Andere zu übertragen scheinen (vgl. V. 10), deutet in Kombination mit dem Streben nach “hohen Dingen” (V. 6) auf das Streben nach den wohl höchsten Idealen - der Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, dem Unendlichen - hin.Gleichzeitig wird aber - wie schon bei den formalen Aspekten - deutlich, dass nicht ausschließlich dieses euphorische Streben von Bedeutung ist. So wird den großen Ambitionen der Gesellen unterschwellig Naivität diagnostiziert, da schließlich hervorgehoben wird, dass sie zum “erstenmal von Haus” (V. 5) ziehen. Des Weiteren drückt die Nennung des Frühlings (vgl. V. 5), der im Allgemeinen mit dem Frischen und Jungen konnotiert wird, metaphorisch die Unerfahrenheit der Gesellen aus.

Nachdem dieser Kontrast jedoch - wie auch beim Formalen - zunächst im Hintergrund steht, gewinnt er im Laufe des Gedichts bzw. der Leben der Gesellen an Bedeutung: So gibt der erste bald seine Ideale auf, indem er heiratet und sesshaft wird. Dies wird insbesondere durch die diminutive Darstellung von seinem “Liebchen”, “Bübchen” und “Stübchen” (V. 11, 13 und 14) und durch die Tatsache deutlich, dass Hof und Haus vom “Schwieger” (V. 12) finanziert (vgl. V. 12) werden, was wohl kaum den anfänglich großen Zielen entsprechen kann. Gleichzeitig hat er allerdings seine Sehnsucht nach dem Fernen und Unerreichbaren nicht verloren, da er schließlich weiterhin in die Weite blickt (vgl. V. 15). Nun steht jedoch diese Seite des Kontrast im Hintergrund, da er seiner Sehnsucht - anders als zuvor - nicht mehr aktiv nachgeht, sondern “behaglich” (V. 15) im “heimlichen Stübchen” (V. 14) sitzt.Der andere Geselle wird deutlich abrupter aus seinen Idealvorstellungen gerissen: So folgt er den “verlockend[en] Sirenen” (V. 18) mit einem Ziel, das aber deutlich als unerreichbar gekennzeichnet wird.

Schließlich zieht es ihn nicht grundlos im Zuge seiner Sehnsucht in die riesigen - die Unendlichkeit symbolisierenden - Weiten des Meeres und es ist von “tausend Stimmen im Grund” (V. 17) die Rede, die ihn aber belügen (vgl. V. 16) und in den “farbig klingenden Schlund” (V. 20) ziehen. Diese Synästhesie fasst die Einholung der Ideale des Gesellen - sein Streben nach dem Unendlichen und Unerreichbaren - insofern besonders gut zusammen, als dass positiv konnotierte Sinneseindrücke, die das idealistische aber realitätsferne symbolisieren, dem gefährlichen, das Reale beschreibenden, “Schlund” gegenüberstellt.

Es ist dem Gesellen nicht möglich, seine Ideale aufrechtzuerhalten, da er schließlich im “Schlund” mündend von der Realität eingeholt wurde, die eine wenig idealistische oder sehnsuchterweckende Atmosphäre mit sich bringt: So wird der Geselle als nun “müde und alt” (V. 22) und seine Umgebung als “still” (V. 24) und “kalt” (V. 25) beschrieben. Außerdem liegt sein “Schifflein [...] im Grunde” (V. 23). Das Schiff kann hier als Metapher für den Körper des Gesellen interpretiert werden, der als Ausdruck der menschlichen Endlichkeit genau nicht für das Unendliche konzipiert ist.

In der letzten Strophe gibt es einen Tempuswechsel vom Präteritum zum Präsens und das lyrische Ich spricht direkt über sich. Seine Identität bleibt dabei unklar, wobei prinzipiell denkbar wäre, dass es sich um eine außenstehende dritte Person oder um einen der beiden Gesellen handelt. In beiden Fällen ist entscheidend, dass es abschließend noch einmal die Endlichkeit dem Unendlichen gegenüberstellt, indem es einen Bezug auf die erste Strophe schafft, da die “klingenden, singenden Wellen” (V. 4), die die Regelmäßigkeit und das Wiederkehrende symbolisieren, und der Frühling (vgl. V. 27), als Metapher für den Neuanfang, erneut aufgenommen werden und somit genau wie die anfangs beschriebene Reimstruktur einen Rahmen um das Gedicht und einen Kreislauf bilden.

Das lyrische Ich, das aufgrund der Wellen und des Frühlings an die Sehnsucht nach dem Unendlichen erinnert wird, drückt durch seine Traurigkeit (vgl. V. 29) die Unvollkommenheit ebenjener Sehnsucht zumindest auf einer immanenten Ebene aus. Gleichzeitig hat es aber Hoffnung, dass das Streben nach dem Unerreichbaren durch das Transzendente für den Menschen möglich wird, was deutlich wird, indem es Gott auffordert, es “liebreich zu [ihm]” (V. 30) zu führen.

Diese Hoffnung wird zusätzlich durch die Interjektion “ach” (V. 30) unterstützt.Die Motive des Unendlichen und die Gegenüberstellung von Transzendenz und Immanenz sind typisch für die Epoche der Romantik, in der das Gedicht verfasst wurde. Im Weiteren ist auch das Widerstreben der Vernunft - schließlich ist der Versuch, das Unerreichbare zu erreichen unvernünftig - charakterisierend für ein Gedicht dieser Epoche. Der Vernunft der Aufklärung wird zwar insofern widersprochen, als dass das vermeintlich Unvernünftige als Ideal dargestellt wird, gleichzeitig wird sie aber auch bestätigt, da das Streben danach als realitätsfern gekennzeichnet wird. Das Gedicht ist folglich in erster Linie in eine komplementäre und nicht gegensätzliche Beziehung zur Aufklärung zu setzen.

Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass das Gedicht auf der formalen und der inhaltlichen Ebene mit vielen Kontrasten arbeitet, deren konkrete Ausprägung sich im Verlaufe des Gedichts ändert und in denen die Sehnsucht nach dem Unendlichen der Endlichkeit der immanenten Realität gegenübergestellt wird. In frühen Lebensjahren hat der Mensch demnach noch das Bedürfnis, das Unerreichbare zu erreichen, verliert aber im Laufe seines Lebens die Hoffnung an die Umsetzbarkeit dieses größten Ideals.

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