"Shui Ta's Tabakfabrik" - Szenenanalyse des 8. Bilds aus Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" | Deutsch Oberstufe

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05. Aug '19

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Interpretiere die achte Szene 'Shui Ta's Tabakfabrik' aus Brechts 'Der gute Mensch von Sezuan' im Hinblick auf die Merkmale des epischen Theaters.

Die Parabel “Der gute Mensch von Sezuan” von Bertolt Brecht aus dem Jahre 1942 thematisiert die Unvereinbarkeit moralischen Handelns und guter Lebensbedingungen. Die zu analysierende Szene veranschaulicht diesen Kontrast vor dem Hintergrund der Arbeitsbedingungen des Proletariats und regt den Zuschauer dazu an, diese Umstände und das auf den Nutzen der Arbeit gerichtete Menschenbild im Kapitalismus zu reflektieren.

Das achte Bild ist eine Erzählung aus der Retroperspektive Frau Yangs über den Aufstieg Suns in Shui Tas Tabakfabrik. Nachdem Suns Vorhaben, eine Fliegerstelle in Peking zu erhalten gescheitert ist und er die von Shen Te geliehenen 200 Silberdollar verprasst hat, bittet Frau Yang Shui Ta darum, ihren Sohn nicht zu verklagen. Dieser bietet Sun an, das Geld nach und nach in seiner Fabrik zu erarbeiten, was Sun akzeptiert. Im Folgenden arbeitet Sun hart, um in der Firma aufzusteigen und versucht, sich auszuzeichnen, indem er einen zusätzlichen Tabakballen für den erschöpften Schreiner trägt. Seine Bemühungen werden belohnt: Bei der Auszahlung der Löhne weist Sun Shui Ta auf einen Fehler des Aufsehers hin, wodurch zwar sein eigener Lohn geschmälert wird, er aber dafür Shui Ta so sehr beeindrucken kann, dass er ihn zum Aufseher befördert wird. In seiner neuen Rolle spornt Sun die Arbeiter unbarmherzig an, um eine Effizienzsteigerung in der Produktion zu forcieren.

Bereits zu Beginn des Bildes wird der dialektische Aufbau der Szene deutlich: So wird die Fabrik als “Baracke” (S. 111 Z. 1), in der “hinter Gittern [...] entsetzlich zusammengepfercht einige Familien, besonders Frauen und Kinder” (S. 111 Z. 2-4) hocken, eindeutig negativ konnotiert. Im Gegensatz dazu ruft nur wenig später Frau Yangs Beschreibung als “kleine, aber schnell aufblühende Tabakfabrik” (S. 111 Z. 13f.) positive Assoziationen hervor. Insgesamt hat das die Konsequenz, dass bereits am Anfang durch die Ansprache Frau Yangs an das Publikum, eine Dissonanz entsteht, die die Aufmerksamkeit des Zuschauers weckt und ihn dazu auffordert, das folgende Geschehen genauestens zu reflektieren.

Des Weiteren charakterisiert Frau Yang Shui Ta als “allgemein geachteten Mann” (S. 111 Z. 9f.), der durch “Weisheit und Strenge [...] aus einem verkommenen Menschen [Sun] einen nützlichen gemacht hat” (S. 111 Z. 9ff.). Indem Brecht auf diese Weise Frau Yangs Sympathie für Shui Ta - einen Kapitalbesitzer - darstellt, rückt er die kapitalistische Idee der Nützlichkeit des Menschen in den Fokus des Zuschauers, der vor diesem Hintergrund im folgenden Geschehen die Ausbeutung erkennen soll, die eigentlich damit verbunden ist.

Als Frau Yang Shui Ta bittet, ihren Sohn nicht der 200 Silberdollar wegen zu verklagen, steht ebendiese Nützlichkeit Suns im Vordergrund der Verhandlung. So verhält sich Frau Yang auffällig distanziert gegenüber ihrem Sohn, da sie ihn einen “Lump” (S. 112 Z. 1) nennt und suggeriert, er dürfe ihr vorerst nicht in die Augen schauen (vgl. S. 112 Z. 24f.). Shui Ta greift dies als Möglichkeit auf, die unglückliche Situation Suns auszunutzen: So erklärt er sich bereit, “es noch einmal mit ihm zu versuchen” (S. 112 V. 9f.), was nicht als wohlwollendes, sondern opportunistisches Verhalten gekennzeichnet wird, da Shui Ta selbst Sun als “verkommen” (S. 112 V. 9) beschreibt und angibt, die ehemalige Sympathie Shen Tes für ihn nicht nachvollziehen zu können (vgl. S. 112 V. 7). Lediglich die Aussicht, sich die Arbeitskraft - den Nutzen - Suns zu günstigen finanziellen Bedingungen sichern zu können, hält ihn von der Klage ab. Dadurch dass Frau Yang Shui Tas Entscheidung ironischerweise “unendlich gütig” (V. 20f.) nennt, obwohl sie eindeutig opportunistisch ist, wird nach dem dialektischen Prinzip der Fokus des Zuschauers auf die eigentlichen Absichten Shui Tas gelenkt, sodass er zu der Erkenntnis geführt wird, dass im Kapitalismus zum einen nicht moralisch gehandelt wird und zum anderen der Mensch auf seine Arbeitskraft reduziert wird.

Dieser Eindruck wird im Folgenden durch die Illustrierung der Arbeitsbedingungen in der Fabrik verstärkt. Was von Frau Yang als “Hilfe” (S. 112 V. 31) für Sun beschrieben wird, ist eigentlich die Erschöpfung des Schreiners, der “nicht mehr jung genug für [das Schleppen zweier Tabakballen]” (S. 113 V. 4f.) ist und sich “ächzend” (S. 113 V. 3) niederlässt. Sun erkennt das - wie von Frau Yang beschrieben - als “Gelegenheit, sich auszuzeichnen” (S. 112 V. 30), wobei erneut nicht die miserable Situation des Schreiners, sondern Suns Opportunismus im Vordergrund steht. Er nimmt dem Schreiner einen Ballen ab, was von Shui Ta bemerkt wird. Doch statt das vermeintlich gute Verhalten Suns zu belohnen, bestraft er stattdessen den ohnehin erschöpften Schreiner, den er zwingt, ebenfalls drei Ballen zu tragen (vgl. S. 112 28ff.). Obwohl der Schreiner offensichtlich unter den Arbeitsbedingungen leidet, bleibt ihm keine Wahl, da er zusätzlich schon “um das notwendigste zu haben, die Kinder einspannen” muss (S. 113 V. 9f.). Dass zusätzlich seine körperliche Limitierung von Shui Ta als mangelnder Leistungswillen dargestellt wird (vgl. S. 113 V. 34) soll dem Zuschauer erkenntlich machen, dass von den Kapitalisten wohlwollendes Handeln nicht belohnt und Schwäche nicht verziehen wird.

Bei der Lohnauszahlung wird derselbe Eindruck noch einmal unterstrichen: Der Aufseher zeigt sich wohlwollen, da er, möglicherweise absichtlich, einen Arbeitstag zu viel für Sun aufgeschrieben hat. Doch statt sich dafür dankbar zu zeigen, verrät Sun den Aufseher und weist Shui Ta “heuchlerisch” (S. 114 V. 14) auf den Fehler hin. Erneut wird Suns opportunistisches und wenig moralisches Handeln belohnt, da Shui Ta ihn zum Aufseher befördert. Sun schafft das, indem er Shui Ta in einem Monolog von seiner Intelligenz und dem damit verbundenen Nutzen für die Firma überzeugt (vgl. S. 114 V. 32ff.). Dabei ist auffällig, dass sich seine Sprache von der in vorherigen Situationen abhebt. Sein Monolog wirkt wie ein vorbereitetes Verkaufsgespräch, da er weniger kurz angebunden ist und längere Nebensatzkonstruktionen verwendet. Dabei propagiert er nicht nur die Vorteilhaftigkeit seiner selbst als Aufseher (vgl. z.B. S. 115 V. 4ff.), sondern spricht auch seinem Konkurrenten die Kompetenz ab (vgl. S. 115 V. 2f.). Um den Zuschauer erneut zur Reflektion Suns Verhaltens anzuregen, wird die Situation durch Frau Yang kommentiert: Die von ihr verwendete auffällige Sprachebene, bei der die Metaphorisierung Suns als “Falke” (V. S. 115 11), hebt den Kommentar vom Geschehen ab und erzeugt gleichzeitig eine Dissonanz, da Falken im Allgemeinen mit etwas edlem assoziiert werden, Suns Verhalten gegenüber dem alten Aufseher aber alles andere als edel ist. Ferner wird der Kontrast verstärkt, indem Frau Yang Suns Beförderung als Resultat von “Bildung und Intelligenz” (S. 115 V. 12) beschreibt, wodurch die Erkenntnis forciert werden soll, das genau das nicht der Fall ist, sondern nur derjenige aufsteigen kann, der opportunistisch und nicht moralisch gegenüber seinen Mitmenschen handelt.

Suns Verhalten ändert sich schlagartig mit seiner neuen Position in der Firma, was durch die erhöhte Frequenz von Ausrufen und die damit veränderte Sprachebene illustriert wird. Sun zeigt keinerlei Barmherzigkeit gegenüber den Arbeitern (vgl. S. 115 V. 18ff.), nennt sie “faule Hunde” (S. 115 V. 22) und stellt ihre Effizienz in den Vordergrund ihres Seins, indem er die rhetorische Frage stellt, wofür ihnen Lohn gezahlt werde, wenn sie derartig langsam arbeiteten (vgl. S. 115 V. 22f.). Da er als Aufseher nun so etwas wie den verlängerten Arm des Kapitalbesitzers Shui Ta darstellt, repräsentiert er mit diesem Verhalten die Einstellung und das Menschenbild gegenüber den Arbeitern aus kapitalistischer Sicht.

Um dem Zuschauer dieses Menschenbild abschließend zu demonstrieren, tragen die Arbeiter das “Lied vom achten Elefanten” vor, das metaphorisch die Hierarchie in der Firma und dem gesamten Kapitalismus darstellen soll. Der (Kapital-) Besitzer Herr Dschin lässt die eigentlich arbeitenden sieben Elefanten vom achten beaufsichtigen (vgl. S. 116 V. 3f.) und übermäßig zu härterer Arbeit anspornen. Obwohl der achte Elefant “faul” (S. 116 V. 10) ist, wird er als einziger mit Futter belohnt (vgl. S. 116 V. 20), wodurch die Ungerechtigkeit im Kapitalismus veranschaulicht werden soll. Außerdem schreckt der achte Elefant nicht vor Gewalt zurück (vgl. S. 116 V. 4).

Um diesen Eindruck der Ungerechtigkeit auf die Spitze zu treiben tritt im Anschluss an das Lied Shui Ta “gemächlich schlendernd und eine Zigarre rauchend” (S. 116 V. 20) auf. Die Ironie wird ferner verstärkt, indem Frau Yang die Szene abschließend kommentiert, wobei sie die gute, edle und “ehrliche Arbeit” (S. 116 V. 20) Suns hervorhebt.

Insgesamt lässt sich feststellen, dass Brecht das achte Bild so konzipiert hat, dass beim Zuschauer starke Dissonanzen hervorgerufen werden. Durch das regelmäßige Auftreten Frau Yangs, die das Geschehen genau gegenteilig zur präsentierten Ungerechtigkeit kommentiert, wird der Zuschauer dazu angeregt, diesen Kontrast zu lösen, indem er sich selbst ein Bild des Kapitalismus macht. Dabei verfolgt Brecht die Intention, das Menschenbild im Kapitalismus auf den rein produktiven Nutzen des Menschen ausgerichtet darzustellen und die Umstände, insbesondere in Form der Arbeitsbedingungen, als unmenschlich zu präsentieren.

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